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Open Access Naturphilosophische Grundlagen der Pflanzenheilkunde im Mittelalter

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Im Mittelalter steht die Phytotherapie im Zentrum ärztlich- therapeutischen Handelns. Sie bezieht nicht nur altüberkommenes empirisches Wissen um die Heilkräfte der Pflanzen ein, sondern in weit höherem Maße schulisches antikes Wissen und ist eingebaut in das System medizinischer Theorie des Galenos aus Pergamon, das auf der Humoralpathologie, der Elementenlehre, der Qualitätenlehre und grundlegend auf psychophysisch ganzheitlichem Denken fußt. Die Medizin entwickelt sich im Laufe des Mittelalters von einer 'ars' zu einer 'scientia'. In der Renaissance des 12. Jahrhunderts bekamen die Begriffe 'ars' und 'scientia' allmählich festere Konturen. Seit der Wiederentdeckung der aristotelischen Logik kristallisierte sich aus dem alten Begriff des Wissens im antiken Artes-Schema ein neuer Wissenschaftsbegriff, 'scientia', heraus, der Methodik und feste Regeln der Erkenntnis forderte. Aus Wissen in den Artes wurden Wissenschaften. Dieser Vorgang bricht im Übergang zur Neuzeit das antike Artes-Schema auf, das seit dem Hohen Mittelalter in der Ausformung des Hugo von St.Victor (gestorben 1140) maßgeblich wurde, "the famous classification of arts and sciences" , so Adam Fijalkowski. Die Wissenschaftslehre des Hugo von St.Victor im 'Didascalicon de studio legendi' mit seiner Unterteilung in die aus der Enkyklios pai-deia der Sophisten hervorgegangenen Artes liberales, in die Artes mechanicae, auf Deutsch Eigenkünste genannt, und die Artes magicae hat sich als Gliederungsschema – nach dem Vorgang von Gerhard Eis – für die mittelalterliche Fachliteratur international durchgesetzt. Die Medizin wurde lange Zeit den Artes mechanicae, also den handwerklichen Künsten, zugerechnet. Zunächst gehört die Ars mechanica, die praktische und theoretische Ingenieurkunst, in Gesamteinteilungen der Philosophie (Logik, Ethik, Physik) zusammen mit dem Quadrivium der Artes Liberales sowie Astrologie und Medizin im Anschluß an Varro zu der Physica, wie bei Isidor von Sevilla ('Differentiae', 2.39) oder Hrabanus Maurus (um 780 – 856; 'De universo', 15,1). Johannes Scotus Eriugena (um 810- 877; Kommentar zu Martianus Capella) prägte den Begriff 'Septem artes mechanicae' und nannte als Beispiel die Baukunst. Hugo von St.Victor entwirft folgendes Schema für die Artes mechanicae: 1. Lanificium (Wollverarbeitung stellvertretend für Handwerk der friedlichen Zivilisation), 2. Ar-matura (Kriegshandwerk), 3. Navigatio (Reisen, Handel), 4. Agricultura (Landwirtschaft, Gartenbau), 5. Venatio ( Jagd), 6. Medicina, 7. Theatrica ( Theater-, Schau-und Wettspiel). Hugo von St.Victor wertet die Artes mechanicae auf. Ihre praktische Seite (practica) mache sie zwar zu Mägden (ancillae) der Freien Künste, und sie seien von jeher Betätigungsfeld der einfachen Leute ("plebei… et ignobilium filii") gewesen, sie benötigten jedoch auch die Theorie (theorica), was sie in das Gesamtgebäude der Philosophie eingliedere und den Wissenschaften (scientiae) zugeselle. Trotz dieser Aufwertung und trotz der gewichtigen Rolle beim Auf- und Ausbau der Städte seit dem 12. Jahrhundert (Fernhandel, Bau der gotischen Kathedralen) beließen ihnen die Wissenschaftstheoretiker auch im Spätmittelalter den Odor des Dienens, wie auch die deutsche Bezeichnung 'Eigenkünste' zeigt. Die Medizin avanciert als 'scientia' zu einer der oberen Fakultäten an den Universitäten, und lediglich Kritiker wie Francesco Petrarca (1304-1374) oder Kontrahenten in den Disputa delle arti nannten sie weiterhin eine 'ars mechanica'. Bezeichnenderweise fehlt sie unter den Handwerkskünsten im 'Allegorischen Reichsadler' (1506/7) des Conrad Celtis (1459-1508). Eine neuerliche Aufwertung der Artes mechanicae brachte deren Mathematisierung durch Künstler der Renaissance: Leonardo da Vinci (1452-1519); Albrecht Dürer (1471-1528), die im 15. Jahrhundert nach der Wiederentdeckung der 'Problemata mechanika' des Aristoteles eingeleitet wurde, und die seit dem 17. Jahrhundert allgemeine Akzeptanz erreichte, u.a. durch Francis Bacon 1605 ('The Advancement of Learning', 2,i,6). Die deutsche Bezeichnung 'Eigenkünste' – man sieht, wie lange Hugos von St.Victor Einteilung nachwirkte – wird in einer Kasseler Handschrift des 15. Jahrhun-derts folgendermaßen erklärt: "und heißin darumme eygin, daz si dinen mußen den frien".
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Document Type: Research Article

Publication date: January 1, 2014

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