Skip to main content
padlock icon - secure page this page is secure

Open Access Die deutsche Variante einer Ökonomisierung der Bildung: Markt und Moral. Ein Kommentar zu den Bildungsgutachten im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft.

Download Article:
 Download
(PDF 435.6 kb)
 
Es gehört zu den modernen Formen demokratischer Öffentlichkeit, dass Regierungen, Parteien und Interessenverbände nicht nur durch ihre hauseigenen Fachleute, Pressesprecher und Lobbyisten auf die politische Meinungsbildung Einfluss zu nehmen versuchen, sondern wissenschaftliche Expertenkommissionen mit der Erstellung von Gutachten beauftragen, die vielfältig einsetzbar sind. Die Expertengremien werden in der Regel nicht so besetzt, dass man harsche Kritik und unliebsame Vorschläge zu erwarten hat, aber sie dürfen auch nicht nur die Position der Auftraggeber – der allgemeinen Erwartung gemäß – bestätigen. Nur wenn eine gewisse Distanz zwischen Auftraggeber und Gutachter gewahrt bleibt können Expertenkommissionen und ihre Gutachten strategische und taktische Möglichkeiten nach innen und außen eröffnen, die dann als Argumente in den internen und externen Auseinandersetzungen eingesetzt werden und ganz unterschiedliche Funktionen erfüllen können: Sie können den Auftraggebern Zeitgewinn versprechen oder gar als Ersatz für politische Entscheidungen stehen. Mit den Reaktionen auf die Gutachten können Stimmungen und Kräfteverhältnisse in dem Feld sondiert werden, man kann Gutachten als Argumente einsetzen und sich zugleich von ihnen distanzieren. Solche Expertenkommissionen, ihre Gutachten und deren Wirkungen, geben allerdings nicht nur Aufschlüsse über die Machtspiele im Feld der politischen Kultur generell, sondern auch über die Wissenschaftsgeschichte der beteiligten Disziplinen und Wissenschaftler, über ihre Nähe zur bzw. Unabhängigkeit von der Politik und partikularen Interessen, über ihre Anfälligkeit für bzw. Unabhängigkeit von herrschenden Begriffen und argumentativen Trends, über ihre offenen und versteckten normativen Annahmen Solche Verflechtungen von Wissenschaftlern werden bei Expertenkommissionen und ihren Gutachten deshalb gut sichtbar, weil den Gutachten in den meisten Fällen keine neuen Forschungen zugrunde liegen, sondern weil sie Berichte über eine immer nicht eindeutige Forschungslage sind, so dass sie notwendiger Weise den wissenschaftlichen Forschungsstand selektiv aufnehmen, interpretieren und oft auch noch in Handlungsempfehlungen übersetzen müssen, also das engere Feld fachwissenschaftlicher Analyse verlassen müssen und damit auch normative Orientierungen und politische Einschätzungen ins Spiel kommen. Als Gegenstand wissenschaftlicher Analyse dürfen Gutachten von Expertenkommissionen also nicht nur als inhaltliche Beiträge zu einem rein wissenschaftlichen Diskurs gelesen, sondern müssen im Kontext ihrer möglichen Funktionen in einem weiteren Diskursfeld interpretiert werden.
No References for this article.
No Supplementary Data.
No Article Media
No Metrics

Document Type: Research Article

Publication date: January 1, 2009

More about this publication?
  • Das Jahrbuch für Pädagogik macht es sich seit 1992 zur Aufgabe, Diskurs- und Realentwicklungen in Pädagogik und Bildungspolitik kritisch zu begleiten und aus bildungs- und gesellschaftstheoretisch interessierter Perspektive zu beleuchten. Als bildungstheoretische Leitidee gilt ein Konzept von Mündigkeit, welches historisch und theoretisch im internen Zusammenhang von Aufklärung, Demokratie und Bildung gründet. Pädagogik wird als ein spezifisches theoretisches und praktisches Handlungsfeld von Gesellschaft begriffen. Nach dem Verständnis des Jahrbuchs können daher Fragen von Bildung und Erziehung nicht allein aus der disziplinären Perspektive der Erziehungswissenschaft bearbeitet werden, sondern bedürfen interdisziplinärer gesellschafts- und humanwissenschaftlicher Zugänge. Der interdisziplinäre Horizont und die Verknüpfung von bildungs- und gesellschaftstheoretischen Sichtweisen schlagen sich sowohl in der Wahl der Jahresthemen wie der Autorinnen und Autoren nieder. Einen markanten Zug im Profil des Jahrbuchs bildet die zentrale Bedeutung des Jahresthemas, auf welches sich nahezu alle Beiträge beziehen, so dass jeder Band als jährliches Periodikum zugleich ein Aufsatzband zu einer thematischen Fragestellung ist.
  • Editorial Board
  • Subscribe to this Title
  • Ingenta Connect is not responsible for the content or availability of external websites
  • Access Key
  • Free content
  • Partial Free content
  • New content
  • Open access content
  • Partial Open access content
  • Subscribed content
  • Partial Subscribed content
  • Free trial content
Cookie Policy
X
Cookie Policy
Ingenta Connect website makes use of cookies so as to keep track of data that you have filled in. I am Happy with this Find out more