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Open Access Kritische Bildungstheorie und die kulturelle Evolution als Paradigma der Gegenaufklärung im Neoliberalismus

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Mit dem Titel des vorliegenden Bandes ,,Entdemokratisierung und Gegenaufklärung“ ist ein Sachverhalt angesprochen, der die Konstitution einer nach 1945 mühsam ausgehandelten Zivilgesellschaft auf der Basis von Gerechtigkeit und sozialem Frieden radikal bedroht und in den westlichen Industrienationen einer nach-bürgerlichen Gesellschaft mit der Tendenz zur Re-Feudalisierung den Boden bereitet, die die Grundsätze eines aufklärerischen Denkens und einer darauf gegründeten Praxis in Frage stellt. Diese Infragestellung ist nicht etwa ein zufälliges Ereignis. Vielmehr handelt es sich dabei um eine gezielte, dabei systematische Aufweichung demokratischer Strukturen, die von dominanten Gruppen in Politik, Wissenschaft und Wirtschaft zum Zwecke der Macht- und der Herrschaftsausweitung vorangetrieben wird, ihre Wurzeln in den 30er und 40er Jahren des 20. Jahrhunderts hat und u.a. mit dem Namen des Wiener Wirtschaftswissenschaftlers Friedrich August von Hayek (1899-1992) verbunden ist, der zusammen mit dem US-Amerikaner Milton Friedman (1912-2006) als Begründer des ,Neoliberalismus‘ gilt. Hayek, das kann schon hier im Vorgriff auf spätere Ausführungen gesagt werden, lehnt die Ideen der Aufklärung radikal ab, mehr noch: er hält sie für einen der größten Irrtümer der Menschheit. Im Kontext seiner neoliberalen Wirtschaftstheorie setzt er in den 1960er Jahren an deren Stelle die kulturelle Evolution als einzige Möglichkeit der Welterklärung, die unhinterfragbar und für die menschliche Vernunft undurchschaubar die gesellschaftliche Entwicklung steuere und der sich das Individuum bei Gefahr des Untergangs unterzuordnen habe. Diese gegenaufklärerische Position, die eher naiv und oberflächlich daherkommt, wäre nicht weiter bemerkenswert, würde sie nicht die gegenwärtigen Debatten sowohl über den staatlichen Gestaltungsspielraum als auch über die Art und Weise, wie wir leben wollen, massiv beeinflussen. Mit der Behauptung, und nur um eine solche handelt es sich im vorliegenden Fall, Selektion und Zufall und nicht etwa Vernunft und Planung seien die bestimmenden Größen im lokalen und globalen Wettbewerb, wird eine langfristige Strategie zur Disziplinierung und Kontrolle der Bevölkerung aufgebaut, die eine dauerhafte Unsicherheit zur Voraussetzung und, wie Bourdieu schreibt, ,,das Ziel hat, die Arbeitnehmer zur Unterwerfung, zur Hinnahme ihrer Ausbeutung“ (Bourdieu 1998,61S. 100) zu zwingen. Der Diskurs der kulturellen Evolution bleibt dabei nicht etwa nur auf wirtschaftliche Fragen beschränkt, sondern er wuchert, medial vermittelt, in allen Bereichen sowohl des alltäglichen Lebens wie auch innerhalb der Wissenschaften. Die Ideologie der kulturellen Evolution gibt dabei die Folie für die Rechtfertigung neoliberaler Politik. Da die Vertreter des Neoliberalismus die Deutungshoheit über Politik, Kultur, Bildung und soziale Rechte beanspruchen muss ihr Vorhaben als ein ,,gesellschaftliches Reformprogramm“ (Schui/Blankenburg 2002, S. 74/75) verstanden werden, das sich anheischig macht, den Markt zum regulierenden Prinzip aller öffentlichen und privaten Lebensbereiche zu erheben und die intellektuelle Entmachtung der Individuen voranzutreiben.
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Document Type: Research Article

Publication date: January 1, 2009

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  • Das Jahrbuch für Pädagogik macht es sich seit 1992 zur Aufgabe, Diskurs- und Realentwicklungen in Pädagogik und Bildungspolitik kritisch zu begleiten und aus bildungs- und gesellschaftstheoretisch interessierter Perspektive zu beleuchten. Als bildungstheoretische Leitidee gilt ein Konzept von Mündigkeit, welches historisch und theoretisch im internen Zusammenhang von Aufklärung, Demokratie und Bildung gründet. Pädagogik wird als ein spezifisches theoretisches und praktisches Handlungsfeld von Gesellschaft begriffen. Nach dem Verständnis des Jahrbuchs können daher Fragen von Bildung und Erziehung nicht allein aus der disziplinären Perspektive der Erziehungswissenschaft bearbeitet werden, sondern bedürfen interdisziplinärer gesellschafts- und humanwissenschaftlicher Zugänge. Der interdisziplinäre Horizont und die Verknüpfung von bildungs- und gesellschaftstheoretischen Sichtweisen schlagen sich sowohl in der Wahl der Jahresthemen wie der Autorinnen und Autoren nieder. Einen markanten Zug im Profil des Jahrbuchs bildet die zentrale Bedeutung des Jahresthemas, auf welches sich nahezu alle Beiträge beziehen, so dass jeder Band als jährliches Periodikum zugleich ein Aufsatzband zu einer thematischen Fragestellung ist.
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