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Open Access Gedenken im Spannungsfeld von Politik und basisdemokratischem Engagement

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Das letzte Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts brachte für die Gedenkstättenkultur im nun zusammengeschlossenen Deutschland einschneidende Wandlungen mit sich. Die DDR hatte aufgehört zu existieren, die kapitalistische Bundesrepublik Deutschland war aus dem gesellschaftlichen Konflikt der Nachkriegsgeschichte als ,,Sieger“ hervorgegangen. Antifaschistische Mahn- und Gedenkstätten wurden in der neuen Republik erneut zu einem begierigen Objekt politisch-ideologischer Auseinandersetzungen. Es fehlte nicht an Versuchen rechtskonservativer Kräfte, diese Denkorte für ihre Politikinteressen zu vereinnahmen, wobei sie sich zunehmend der konservativ-nationalistisch geprägten Totalitarismustheorie bedienten. Dazu hatten sich ihnen 1990 wieder Möglichkeiten aufgetan, die sie scheinbar mit dem ,,Historikerstreit“ der 80er Jahre verloren hatten und die sie nun rigoros nutzten, um dem Antifaschismus ,,endgültig“ den Garaus machen zu können. In die politische ,,Abrechnung“ mit dem alternativen Gesellschaftssystem wurden die antifaschistischen Mahn- und Gedenkstätten aus DDR-Zeiten einbezogen. Diese waren hier seit dem Ende der 50er Jahre fester Bestandteil des sozialistischen Erziehungs- und Bildungssystems gewesen. Negiert wurde der Umstand, dass es ein hervorzuhebender Verdienst des Antifaschismus in der DDR gewesen war, seit jener Zeit ,,authentische Orte“ der Verfolgung, des Terrors und der Verbrechen in Nazideutschland, aber auch des Widerstandes gegen die braune Diktatur gesichert zu haben - wenn auch die geschaffenen Gedenkstätten, gekennzeichnet als Denkmale oder mit dokumentarischen Ausstellungen ausgestattet, insgesamt doch erhebliche Defizite über die Spannbreite der Opfer des Naziregimes, wie auch über die Vielfalt der antinazistischen Opposition auswiesen. Die Lücken in der wissenschaftlichen Forschung in der DDR hatten sich ebenso in der Gedenkstättenstruktur niedergeschlagen. Und gerade dieses Manko bot dem rechtskonservativen Revisionismus willkommenen Anlass, dem Antifaschismus in der Denkkultur seine Glaubwürdigkeit nehmen zu wollen. Das politisierte Argument vom Ausmerzen des ,,verordneten“ Antifaschismus musste zunächst einmal herhalten, um zu verdrängen, dass in der früheren Bundesrepublik der Antifaschismus jahrzehntelang unterdrückt und verfolgt worden war. Die konservativ-liberale Bundesregierung brüstete sich allerdings schon unmittelbar nach der ,,Wende“ damit, sie allein habe seit der Gründung des bundesdeutschen Staates der Opfer des Naziregimes in ,,würdiger Form“ gedacht. Die Geschichte der Alt-BRD weist jedoch nach, wie antifaschistisch gesinnte Kreise in ihrem Bemühen um den Aufbau von Mahn- und Gedenkstätten zu Verfolgung, Terror und Widerstand in der NS-Zeit massiv behindert und in ihrem Ringen gegen das ,,Vergessen“ als Nestbeschmutzer verleumdet wurden (Garbe 1993; S. 692 ff.; Zimmermann 1991; S. 36 ff; Lutz 1990, S. 8 ff.; Maur 1990, S. 242). In der westdeutschen Gesellschaft hatte sich ein ,,Immunsystem“ gegen die Wahrheit über die NS-Verbrechen festgesetzt, bei dem Gedenkstätten-Initiativen lange Zeit auf hartnäckige Resistenz stießen. Lehrerinnen an den allgemeinbildenden Schulen und Hochschullehrer gehörten mit zu den wichtigsten Partnern der an der Basis in den 79er/80er Jahren entstandenen Initiativen, ob bei der Organisierung von alternativen Stadtrundfahrten oder dem Einrichten von Denkorten an Stätten ehemaliger faschistischer Konzentrationslager (Hoops 1993; Lehrke 1988).
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Document Type: Research Article

Publication date: January 1, 2002

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