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Open Access Transformationsforschung als Fortschritts- oder Verfallsgeschichte

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Nach zwölf Jahren gemeinsamer deutscher Kinder- und Jugendforschung erklären Erziehungswissenschafter, Psychologen oder Soziologen aus Ost und West, dass die Perspektiven auf die Transformationen im Bildungssystem in Ostdeutschland zwischen ost- und westdeutschen Intellektuellen unterschiedlich, wenn nicht sogar gegensätzlich sind (Oswald 1998, Reißig 1999, Fabel/Krüger 2001). Neben der Sicht auf eine Fortschrittsgeschichte der Öffnung und Einbindung der ostdeutschen Erziehungswissenschaft in internationale Wissenschaftsdiskurse steht die einer Verfallsgeschichte ostdeutschen intellektuellen Potentials, neben einer Aufbruchseuphorik gegenüber einer von politischen Zwängen befreiten Erziehungswissenschaft findet sich der Hinweis auf den Abbruch osteuropäischer Wissenschaftsbeziehungen der pädagogischen Wissenschaften der DDR, neben der Freude über Gewinn an individueller Selbstbestimmung des ostdeutschen Erziehungswissenschaftlers steht die Klage über den Verlust seiner Existenzsicherheit und gesellschaftlichen Positionierung, neben der Delegitimierungsperspektive auf realsozialistische Deformierungen im Bildungssystem findet sich die Legitimierung östlicher alternativer Lösungsansätze im Zuge einer künftigen Bildungsreform. Ost- und westdeutsche Perspektiven auf die Entwicklung in Ostdeutschland haben sich nach einer vielleicht versuchten Annäherung Anfang der 90er Jahre wieder voneinander entfernt. Hans Oswald stellt 1998 fest, dass ,, ... die wissenschaftlichen Perspektiven ob des wissenschaftlichen und kulturellen Hintergrundes oder des sozialen Standortes wechseln. Gefundene Daten - unabhängig davon ob sie Unterschiede oder Übereinstimmungen signalisieren - werden häufig unterschiedlich gewertet und bringen auf beiden Seiten Empfindlichkeiten hervor ...“ (1998, S. 7). Reißig reflektiert aus ostdeutscher Perspektive: ,,Die wechselseitigen, disparaten Wahrnehmungsmuster zwischen Ost- und Westdeutschen haben sich erst einmal verfestigt“ (1999, S. 138). Der Wertungshimmel über die Transformation ist auch in der Erziehungswissenschaft nach wie vor geteilt, die Divergenzen und Konvergenzen, das sich Annähern und voneinander Entfernen, Mißtrauen und Vertrauen bleiben unreflektiert und scheinen aus dem öffentlichen Bewusstsein zu verschwinden. Ein solches gegenseitiges Fremdsein oder -werden scheint dabei weniger ein Problem fehlenden gegenseitigen Verstehens zu sein, das sich durch ein differenzierteres Verstehen oder verstehenderen Differenzierens beheben ließe, sondern Resultat objektiver gesellschaftlicher Verteilungsunterschiede von Chancen, Ressourcen und Optionen: Die ökonomischen und sozialen Lebensbedingungen driften als Ergebnis einer Eigendynamik der Transformation weiter auseinander, die oft beschworene notwendige Binnensicht trifft im Osten auf sich immer wieder neu formierende und differenzierende Problemlagen, die deprivierten Arbeitssituationen vieler ostdeutscher Wissenschaftler - auch der im Ruhestand - lassen Blockierungen bestehen und verstärken auf beiden Seiten das im Kalten Krieg erworbene Mißtrauen. Die Transformation bringt ständig neue nichtintendierte Folgen hervor, gelegentlich als Nebenfolgen verharmlost, die ost- und westdeutsche Sichten auf Transformation und den Referenzrahmen der transformierenden Akteure verändern.
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Document Type: Research Article

Publication date: January 1, 2002

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  • Das Jahrbuch für Pädagogik macht es sich seit 1992 zur Aufgabe, Diskurs- und Realentwicklungen in Pädagogik und Bildungspolitik kritisch zu begleiten und aus bildungs- und gesellschaftstheoretisch interessierter Perspektive zu beleuchten. Als bildungstheoretische Leitidee gilt ein Konzept von Mündigkeit, welches historisch und theoretisch im internen Zusammenhang von Aufklärung, Demokratie und Bildung gründet. Pädagogik wird als ein spezifisches theoretisches und praktisches Handlungsfeld von Gesellschaft begriffen. Nach dem Verständnis des Jahrbuchs können daher Fragen von Bildung und Erziehung nicht allein aus der disziplinären Perspektive der Erziehungswissenschaft bearbeitet werden, sondern bedürfen interdisziplinärer gesellschafts- und humanwissenschaftlicher Zugänge. Der interdisziplinäre Horizont und die Verknüpfung von bildungs- und gesellschaftstheoretischen Sichtweisen schlagen sich sowohl in der Wahl der Jahresthemen wie der Autorinnen und Autoren nieder. Einen markanten Zug im Profil des Jahrbuchs bildet die zentrale Bedeutung des Jahresthemas, auf welches sich nahezu alle Beiträge beziehen, so dass jeder Band als jährliches Periodikum zugleich ein Aufsatzband zu einer thematischen Fragestellung ist.
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