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Open Access ,,Vom Machbaren zum Wünschbaren“ ‐ wie die Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft die Abwicklung der DDR-Pädagogik mit bewerkstelligte und dann beklagen ließ. Verspäteter Nachruf auf einen Nachruf.

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Es war einmal eine bildungsreformerische und kritische Erziehungswissenschaftsgeneration im westlichen Teil Deutschlands, die war angetreten, mehr Demokratie zu wagen und gar friedliche Annäherung zwischen Ost und West zu unterstützen, die berief sich auf unbequeme Gründerväter und Mentoren aus der sog. Frankfurter Schule der Kritischen Theorie. Nun begab es sich aber, dass sie unerwartet mit einer friedlichen revolutionären und reformerischen Volksbewegung im östlichen Teil Deutschlands konfrontiert wurde, zu der sogar viele der bisherigen StaatsfunktionärInnen im Bildungswesen sich überzulaufen anschickten und von denen vielerlei neue reformpädagogische Ideen und Modelle ausgingen, für eine erneuerte demokratische ost-deutsche Gesellschaft. Die Achtundsechziger-Generation der Kritischen Erziehungswissenschaft hatte zwar viele Lehrstühle und Institute besetzt sowie viele Schüler und einige Schülerinnen als ihren Nachwuchs ausgebildet, aber sie hatte zwei große Probleme zu bewältigen: Nach einer kurzen Periode der Reformeuphorie war sie von den Herrschenden in Politik und Wirtschaft in ihre Schranken verwiesen worden. Die Reformen für den Zugang zu Bildung für alle erwiesen sich als wenig vereinbar mit dem Wirtschaftssystem, seinen Konjunkturen und Dauerkrisen. So waren den Herrschenden die kritischen Pädagogen bald lästig geworden und sie schüchterten sie erfolgreich mit dem Erlaß von Berufsverboten für angebliche Verfassungsfeinde unter ihnen ein. Da zogen sich auch die meisten Kritischen Erziehungswissenschaftler wieder in ihre Gelehrtenstuben zurück und widmeten sich der postmodernen Innendekoration und ,,Struktur der Disziplin“ (nomen est omen) und ihrer Sekundärtugenden. Das zweite unangenehme Problem waren die vielen klagenden, überalterten und zu versorgenden Schüler (und Schülerinnen), die ebenso Lehrstühle und Institute begehrten wie ihre Meister. Da mußten sie sich halt gut stellen mit den Mächtigen im Lande. Als nun aber mit dem Zerfall des Sowjetischen Imperiums die Mächtigen im Westen und die mit ihrer Hilfe gewählten neuen Regierungen im Osten des Landes sich mit einer idealistischsozialistischen und basisdemokratischen Bildungsreformbewegung im Osten konfrontiert sahen, da beschlossen sie, ,,zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen“, wie es auch im ,,Wir-sind-das-Volksmund“ heißt. War es da nicht praktikabel und ,,machbar“, vor allem das gewendete idealistisch-sozialistische Personal aus den Hochschulen zu verdrängen und ,,abzuwickeln“ sowie die unruhigen, basisdemokratischen und unprofessionellen Dissidenten da erst gar nicht reinzulassen und zugleich die freigeräumten Stellen mit den unpolitisch-brav gewordenen SchülerInnen der gewendeten Achundsechziger-Professoren (und mit einigen eingeschüchterten Nachwuchskräften aus dem Osten) zu besetzen? Unbequeme Initiativen und störende bildungspolitische Aktionen waren von diesen im Osten fremden und zu Dankbarkeit verpflichteten Spätberufenen nicht zu befürchten. Zugleich wurde geräuschlos das im Westen auch zur Abwehr des Achtundsechziger-Aufbruchs installierte Hochschul- und Schulsystem von oben nach unten so ,,durchgestellt“, wie es die ,,gelernten DDR-Bürger“ ja gewohnt waren. War es früher die aufoktroyierte Doktrin und Propaganda der Staatspartei, die eine offene, kritische Auseinandersetzung um die Probleme, Erfahrungen, Anforderungen in Bezug auf Erziehung, Bildung, Studium unmöglich machten, so war es nun die Barriere der Fremdheit und Sprachlosigkeit zwischen den mit ihrer Vergangenheit und Zukunftsangst allein gelassenen und von sozialen Existenzängsten geplagten Bürgerinnen und Bürgern des zusammengebrochenen Staates und den aus dem ,,siegreichen“ Staat importierten Wissen- schaftlerInnen und HochschullehrerInnen, die eine intensive Erinnerungsarbeit und Auseinandersetzung um Geschichte und Zerfall dieser Gesellschaftsordnung erschwerten. Aber nicht nur die importierten westlichen Erziehungswissen- schaftlerInnen, auch ihre ostdeutschen Kolleginnen traten die Flucht nach vorne und - soweit möglich - nach oben und in ihre inner-fachlichen in-groups an, in denen von den zu konkreten zeitgeschichtlichen, sozialen und biographischen Kontexten des ostdeutschen Bildungswesens radikal abstrahiert werden konnte: z.B. in die Bildungstheoriegeschichte des 19. Jahrhunderts, in die Waldorfpädagogik oder in die neuen Medien.
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Document Type: Research Article

Publication date: January 1, 2002

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  • Das Jahrbuch für Pädagogik macht es sich seit 1992 zur Aufgabe, Diskurs- und Realentwicklungen in Pädagogik und Bildungspolitik kritisch zu begleiten und aus bildungs- und gesellschaftstheoretisch interessierter Perspektive zu beleuchten. Als bildungstheoretische Leitidee gilt ein Konzept von Mündigkeit, welches historisch und theoretisch im internen Zusammenhang von Aufklärung, Demokratie und Bildung gründet. Pädagogik wird als ein spezifisches theoretisches und praktisches Handlungsfeld von Gesellschaft begriffen. Nach dem Verständnis des Jahrbuchs können daher Fragen von Bildung und Erziehung nicht allein aus der disziplinären Perspektive der Erziehungswissenschaft bearbeitet werden, sondern bedürfen interdisziplinärer gesellschafts- und humanwissenschaftlicher Zugänge. Der interdisziplinäre Horizont und die Verknüpfung von bildungs- und gesellschaftstheoretischen Sichtweisen schlagen sich sowohl in der Wahl der Jahresthemen wie der Autorinnen und Autoren nieder. Einen markanten Zug im Profil des Jahrbuchs bildet die zentrale Bedeutung des Jahresthemas, auf welches sich nahezu alle Beiträge beziehen, so dass jeder Band als jährliches Periodikum zugleich ein Aufsatzband zu einer thematischen Fragestellung ist.
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