Das Verzeihen als Grundlage für das kulturelle Zusammenwachsen von Europa

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Abstract:

Der Freiheitsbegriff, wie wir ihn heute moralisch und politisch verstehen, ist nicht nur eine Errungenschaft der Philosophie der Aufklärung, er ist in erster Linie ein Erbe des christlichen Freiheitsbegriffes. Dieser Umstand wird gerade in der Philosophie übersehen, wenn sie die Aufklärung mit der Antike kurz schließt und 2000 Jahre überspringt. Freiheit ist keine intellektuelle Erfindung oder praktische Errungenschaft von Philosophen und Politikern seit dem 17. Jahrhundert, sondern Freiheit ist eine spirituell zu nennende Erfahrung, die im engen Zusammenhang mit dem Sinn des Lebens, der Frage nach gelingendem Leben bis hin zur Sehnsucht nach Erlösung und Heil steht. Sie ist im Abendland das Geschenk einer religiösen Weltanschauung, der es gelungen ist und gelingt, das Bewusstsein der Schuld, das im menschlichen Dasein tief verankert ist und mit dem Wissen um Sein, mit dem Wissen um Existenz, aufkommt, zu bewältigen und zu meistern.

Die Verheißung der christlichen Botschaft, von Sünde und Erbschuld erlösen zu können, kann in seiner Tragweite nicht überschätzt werden. Ein freies Bewusstsein, wie wir es heute als selbstverständlich beanspruchen und zugrunde legen, ist das Ergebnis einer Jahrhunderte dauernden Theologie der Befreiung und Ablösung vom Schuldbewusstsein. Wie weitgehend diese Ablösung gediehen ist, lässt sich allein darin sehen, dass wir heute die tragische Schuld, die uns die griechische Literatur überliefert hat, nicht mehr verstehen. Wir sehen in ihr bestenfalls den bekannten unauflösbaren, tragischen Konflikt, ohne allerdings zu erkennen, dass dieser Konflikt vom Leben selbst und seinen Bedingungen und Notwendigkeiten herkommt. Das Unverständnis gegenüber archaischer Schuld ist das Ergebnis der christlichen Auflösung des Schuldbewusstseins überhaupt vor dem Hintergrund einer Verheißung christlicher Freiheit. Natürlich war diese Verheißung an den religiösen Kult gebunden, aber die Reformation und ihre Theologie der Überantwortung der Schuld in das persönliche Gewissen war der letzte Schritt zu einer vollständigen Profanierung christlicher Freiheit. War die Sühne und damit die Freiheit im christlichen Verständnis noch an den bloßen Glauben gebunden, so ist die Freiheit im modernen Verständnis ganz und gar von der Sühne abgekoppelt. Die Profanierung der Freiheit war nur ein kleiner Schritt, da das existenzielle Schuldbewusstsein, die archaische und im ursprünglichen Sinn tragische Schuld, schon durch die christliche Theologie zur glücklichen Schuld gewandelt war. Das heutige Freiheitsverständnis kommt ganz und gar ohne Schuld aus und kennt nur Freiheit ohne Reue und Sühne.

Document Type: Research Article

Publication date: January 1, 2007

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  • Values and Norms in the Age of Globalization
    The authors of this book, scholars from Germany, Austria, the United States, Kirghizia and Poland, seek an answer to the challenges posed to social sciences by the globalization epoch. The challenges apply to such problems as the establishment of rights and rules and institutions governing the existence of supra- and international communities, the development of a common system of ethical values, moral standards and norms (or even the creation of a system of entirely new values, standards and norms) supporting the unification process, as well as the legitimacy and validity of transferring the values and standards and the models of economy and politics characteristic of European culture to other cultures and civilizations. This book raises the questions that are particularly significant to the present-day political practice in its European and global dimensions: the questions of place, role and dimension, as well as topicality or transformations in the post-modern order of the world, of such moral values, standards and norms present in politics as human rights, freedom, justice, responsibility, solidarity, tolerance, forgiveness, peace, security, education, modernization or democracy and law.
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